Der Streik bei Ssangyong Motors in SŸdkorea endet mit einer Niederlage und heftiger Repression
von Loren Goldner
[english version]
Am 5. August ging nach 77 Tagen der Streik mit Werksbesetzung bei der Ssangyong Motor Company in Pyeongtaek, SŸdkorea, zuende. Ssangyongs Konkursverwalter Park Young-tae und der šrtliche Gewerkschaftsvorsitzende Han Sang-kyun hatten eine †bereinkunft unterzeichnet. Diese bedeutete fŸr die 976 ArbeiterInnen, die die kleine Autofabrik am 22. Mai besetzt und sie gegen wiederholte, quasi-militŠrische Angriffe gehalten hatten, so viel wie eine vollstŠndige Niederlage. Und schlimmer noch, denn nach der Kapitulation gab es Verhaftungen und Vernehmungen Dutzender Streikender durch die Polizei, denen mšglicherweise noch Strafanzeigen folgen sowie eine Klage gegen die Koreanische Metallarbeitergewerkschaft Ÿber mehr als 300.000 Euro und wahrscheinlich weitere Verfahren gegen einzelne Streikende wegen SchŠden, die wŠhrend des Streiks entstanden waren. FŸr die Šu§erst rechte sŸdkoreanische Regierung Lee Myung-bak ist das der jŸngste und dramatischste Sieg nach dem Motto ÇWir machen keine GefangenenÇ in den letzten eineinhalb Jahren Ÿber Proteste aus dem Volk. Mit diesen Ma§nahmen gibt sie zu verstehen, dass sie in Zukunft jeglichen Widerstand gegen ihre unverfrorene Herrschaft im Interesse des Gro§kapitals plattwalzen will.
Der Streik bei Ssangyong Motors wies in mancherlei Hinsicht dieselben Dynamiken auf, die wir jŸngst beim Kampf um Visteon in GB gesehen haben und in Schlachten um die Umstrukturierung der Autoindustrie weltweit. Andererseits nahm er die Ausma§e einer regelrechten Fabrikbesetzung an, einschlie§lich gewaltsamer Verteidigung des Werks gegen Polizei, SchlŠgertrupps und Streikbrecher, und war somit in SŸdkorea der erste Kampf dieser Art seit Jahren. Diese Niederlage − sie ist nur eine aus einer ganzen Reihe von Niederlagen Ÿber die Jahre − verhei§t fŸr zukŸnftigen Widerstand nichts Gutes.
Ssangyong Motors gehšrt seit drei Jahren zu 51 Prozent der chinesischen Shanghai Automotive Industry Corporation. Damals hatte das Werk in Pyeongtaek (etwa 45 Minuten von Seoul) 8700 BeschŠftigte. Zur Zeit des Streiks waren es nur noch 7000. Im Februar 2009 stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag und schlug die Umstrukturierung vor. Dabei bot sie die Fabrik in Pyeongtaek als Absicherung fŸr weitere Kredite, um aus der Insolvenz herauszukommen. Das Gericht billigte den Insolvenzplan und bevorstehende Entlassungen, um die Firma wieder profitabel zu machen.
Die Managementstrategie scheint darin bestanden zu haben, die Belegschaft auf lange Sicht herunterzufahren und gleichzeitig fŸr die Werke in China Technologie zu erwerben. Seit der †bernahme durch SAIC hat es bei Ssangyong Motors keine neuen Investitionen gegeben, und kein neues Automodell kam auf den Markt. (SŸdkoreanische StaatsanwŠlte habe die Frage aufgeworfen, wie legal der Technologietransfer nach China ist, da die betreffende Technologie mithilfe von Subventionen seitens der sŸdkoreanischen Regierung entwickelt worden war, aber bis heute wurde kein Verfahren angestrengt.) Im Dezember 2008 gab es auch eine kurze Aktion am Arbeitsplatz, die gegen diesen Technologietransfer protestierte.
Auf die anstehenden Entlassungen antworteten im April 2009 Arbeiter im Werk nach der Gerichtsentscheidung mit Warnstreikaktionen, die am 22. Mai 2009, als die Liste mit den Namen der zu entlassenden Arbeiter verkŸndet wurde, zum Streik mit †bernahme der Fabrik und ihrer Besetzung durch 1700 ArbeiterInnen fŸhrten. Der Streik konzentrierte sich auf drei Forderungen: 1. Keine Entlassungen, 2. Arbeitsplatzsicherheit fŸr alle, 3. Keine Auslagerung. Die Firma will 1700 Arbeiter in den Vorruhestand zwingen und hat 300 Befristete [casuals] gefeuert.
Die Arbeiter von Ssangyong sind in der KMWU (Korean Metal Workers Union; Koreanische Metallarbeitergewerkschaft) organisiert und haben im Durchschnitt 15-20 Jahre in der Fabrik gearbeitet. Ein festangestellter Arbeiter verdient ein Jahresgrundgehalt von etwa 30 Mio. Won [knapp 17.000 Û], ein prekŠrer erhŠlt fŸr dieselbe Arbeit um die 8.500 Û. (In SŸdkorea ist das Grundgehalt nur ein Teil des Lohns, der au§erdem − fŸr Festangestellte − noch Sozialleistungen umfasst sowie bedeutende †berstundenzuschlŠge, sodass oft zehn †berstunden und mehr pro Woche gearbeitet werden, was bei den meisten ArbeiterInnen akzeptiert ist und oft sogar begehrt als notwendige ErgŠnzung zum Einkommen.
Mitte Juni hielten etwa 1000 Arbeiter die Besetzung aufrecht, und ihre Frauen und Familien versorgten sie mit Nahrungsmitteln. Etwa 5000 Arbeiter, die nicht auf der Entlassungsliste standen, blieben zuhause, und etwa 1000 vom Aufsichtspersonal leisteten Streikbrecherarbeit, meistens warteten sie die Maschinen, aber Autos wurden seit Beginn der Besetzung keine mehr produziert.
In den ersten Wochen gab es in Pyongtaek wenig massenhafte PolizeiprŠsenz. Das war zumindest teilweise der aktuellen politischen Krise in SŸdkorea geschuldet. Vor kurzem hat sich der frŸhere PrŠsident No Mu-hyeon umgebracht, darauf folgten Massendemonstrationen als Ausdruck einer wachsenden Empšrung gegen die aktuelle rechte Regierung Lee Myung-bak.
Im Dezember 2007 war die Regierung Lee gewŠhlt worden, weil sie ein Programm mit hohen Wachstumsraten fŸr die Wirtschaft vorgelegt hatte. Sie hat mittlerweile durch wiederholte unverhohlene Ma§nahmen fŸr die Wohlhabenden und durch die Weltkrise an Vertrauen verloren und durch die tiefe Empšrung, die in Demonstrationen mit bis zu einer Million Menschen Ausdruck fand, an politischem Terrain. Nachdem der Einsatz von Bereitschaftspolizei nach Nohs Beerdigung weitere Empšrung hervorgerufen und noch mehr Leute auf die Stra§en gebracht hatte, scheute sich die Regierung zunŠchst, die Fabrik in Pyongtaek frŸhzeitig anzugreifen und weitere Unzufriedenheit zu riskieren.
Am 16. Juni wurde vor den Fabriktoren eine gro§e Kundgebung mit Ÿber 1500 Leuten gegen den Streik abgehalten. Die Teilnehmer waren die 1000 Aufseher-Streikbrecher, 200 gedungene SchlŠger und 300 Arbeiter, die nicht auf der Entlassungsliste standen und den Streik nicht unterstŸtzten. 400 Bereitschaftspolizisten standen daneben, griffen nicht ein, und erklŠrten schlie§lich die Versammlung der Streikbrecher fŸr illegal, offensichtlich aus Furcht, die BesetzerInnen und ihre UnterstŸtzer kšnnten sie angreifen. WŠhrend der Streikbrecher-Kundgebung kamen 700 bis 800 Arbeiter aus benachbarten Fabriken wie dem KIA-Werk zur Verteidigung der Ssangyong-Fabrik; viele hatten die Nachricht Ÿber den Mail-Verteiler der KMWU erhalten.
Gegen Versuche seitens der Polizei, das Werk zurŸckzuerobern, hatten die Besetzer PlŠne fŸr eine bewaffnete Verteidigung ausgearbeitet und Lager mit Stahlrohren und Molotowcocktails angelegt. Als weiteren Notfallplan wollten sie sich in der Lackiererei verschanzen, wo die leicht entzŸndlichen Materialien (ihrer Ansicht nach) die Polizei davon abhalten wŸrden, TrŠnengasgranaten abzufeuern und so ein Gro§feuer zu verursachen. (Diese Rechnung ging auf, wie wir sehen werden, aber am Ende brachte auch das keine Punkte.)
Ich sprach mit einem Aktivisten, der an der Besetzung teilnahm und die Rolle der Gewerkschaft kritisch sah. Seiner Ansicht nach hatte die KMWU den Streik weiterhin unter Kontrolle. Im Unterschied zum Kampf bei Visteon oder beim Abbau der US-Autoindustrie hat die KMWU jedoch die illegalen Aktionen der Fabrikbesetzung und der Vorbereitung auf die bewaffnete Verteidigung unterstŸtzt. Allerdings hat sie sich auf die Forderung ÔKeine KŸndigungen!Õ konzentriert und die Forderungen nach Arbeitsplatzsicherheit fŸr alle und gegen Auslagerungen in den Hintergrund treten lassen.
Die Besetzung der Fabrik wurde im Kern von 50 oder 60 Basisgruppen aus jeweils zehn Arbeitern betrieben, die alle einen Delegierten (chojang) fŸr die Koordinierung der Aktionen wŠhlten. Der oben erwŠhnte Aktivist hŠlt diese chojang fŸr die kŠmpferischsten und klassenbewusstesten Arbeiter.
Noch einmal: Der Streik bei Ssangyong profitierte anfŠnglich von einem gŸnstigen politischen Klima und erwischte die koreanische Regierung auf dem falschen Fu§. Aber er war mit der tiefen Krise der weltweiten Autoindustrie und der allgemeinen Weltwirtschaftskrise konfrontiert. Das nahegelegene Werk der KIA Motor Company befand sich selbst mitten in schwierigen Verhandlungen um Krisenma§nahmen, und GM-Daewoo ist von der weltweiten Umorganisierung bei General Motors betroffen. Die Unternehmensstrategie bestand wie bei Visteon allerhšchstens in langsamem Verschlei§ (wie es bereits seit 2006 der Fall ist) oder eben schlicht in einer Schlie§ung des gesamten Werks.
Ende Juni beschlossen Regierung und Unternehmen, nicht mehr lŠnger zuzusehen und abzuwarten und gingen in die Offensive. Am 22. Juni waren bereits 190 Streikende verklagt worden. Wenige Tage darauf beging ein entlassener und hoch verschuldeter Arbeiter Selbstmord. Das breitere gesellschaftliche und politische Umfeld verhŠrtete sich zunehmend, von Schullehrern bis zu Mšnchen griffen Gruppen den sich beschleunigenden Rechtstrend der Regierung an, und die OrdnungskrŠfte, allen voran die regierende Hanaradang (Gro§e Nationalpartei), brandmarkten solche Kritiker als Sympathisanten von Nordkorea. Immer wieder fanden in Seoul und Pyeongtaek zur UnterstŸtzung des Streiks Demonstrationen statt, aber selten nahmen daran mehr als ein paar Tausend Menschen teil.
Am 26./27. Juni begann der erneute Angriff von Staat und Arbeitergeber auf die Fabrik, als gedungene SchlŠger, Streikbrecher, die man aus den Arbeitern, die nicht entlassen werden sollten, angeworben hatte, und Bereitschaftspolizei versuchten, in die Fabrik einzudringen. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen mit vielen Verletzten gelang es ihnen, das HauptgebŠude zu erobern. Die besetzenden Arbeiter zogen sich in die Lackiererei zurŸck. Dies war Teil des erwŠhnten Verteidigungsplans, der darauf vertraute, dass die Polizei keine TrŠnengasgranaten in den hochentzŸndlichen Bereich schie§en wŸrde. (Im Januar waren in Seoul wŠhrend eines anderen Feuers, das eine Auseinandersetzung mit der Polizei ausgelšst hatte, fŸnf Menschen gestorben, was eine wochenlange Empšrungswelle ausgelšst hatte.)
Am Tag danach lie§ das Unternehmen verlautbaren, es sei genug mit der Gewalt, aber in Wirklichkeit sind Polizei und SchlŠgertrupps aufgrund des hartnŠckingen Widerstands der Arbeiter zurŸckgezogen worden. Das Unternehmen drŠngte die Regierung, sich direkt an den Verhandlungen zu beteiligen.
Seit dem Angriff am 26./27. Juni war das Ziel, den Kampf bei Ssangyoung zu isolieren und den Streik zu brechen. SolidaritŠtsaktionen au§erhalb der Fabrik versuchten, die UnterstŸtzung zu verbreitern. Dazu gehšrten eine Stra§enkampagne, hauptsŠchlich organisiert von den Familienorganisationen von Seoul und Pyeongtaek, und ein vierstŸndiger Generalstreik der KMWU, wŠhrenddessen MetallarbeiterInnen aus umliegenden Fabriken vor das Fabriktor von Ssangyong zogen.
Dann wurde am 1. Juli in der gesamten Fabrik das Wasser abgestellt, was die ArbeiterInnen in dem hei§en und feuchten koreanischen Sommer unausweichlich dazu zwang, soviel Regenwasser aufzufangen wie sie nur konnten und aus FŠssern Toiletten zu improvisieren, als die regulŠren voll waren. Jeglicher Zugang zur Fabrik war verwehrt, und die Verhandlingen brachen zusammen.
Am 4. Juli und am 11. Juli organisierte die KCTU (Korean Confederation of Trade Unions − Koreanischer Gewerkschaftsverband) landesweite Kundgebungen zur UnterstŸtzung des Kampfs bei Ssangyong. Die Teilnahme an diesen Aktionen blieb jedoch schwach, und die KMWU-FŸhrung zšgerte, als Antwort auf die Angriffe auf die Fabrik zum Generalstreik aufzurufen. Aktivisten denken, dass die FŸhrungen von KMWU und KCTU mehr mit den bevorstehenden Gewerkschaftswahlen beschŠftigt waren. (Am 11. Juli traten au§erdem 927 Aktivisten im Zentrum von Seoul fŸr einen Tag in den Hungerstreik.) (Nach meiner nun vierjŠhrigen Erfahrung in Korea kann ich sagen, dass das hauptsŠchlich rituelle Aktionen sind, die den Ausgang eines Kampfes selten beeinflussen, au§er als Barometer der SchwŠche und Vereinzelung.)
Am 16. Juli versammelten sich schlie§lich 3000 KMWU-Mitglieder zur UnterstŸtzung des Streiks bei Ssangyong vor dem Rathaus von Pyeongtaek. Als sie nach der Kundgebung zur Fabrik ziehen wollten, wurden sie von der Polizei daran gehindert. 82 Arbeiter wurden an Ort und Stelle verhaftet.
WŠhrend eines darauffolgenden (und gescheiterten) Versuchs, das Fabriktor mit Essen und Wasser zu erreichen, scheuten FirmenschlŠger keine MŸhe und zerbrachen jede einzelne Flasche mit Wasser.
Am Montag, den 20. Juli 2009, wurde es dann richtig ernst. Hier ist die militŠrische Lage, wie sie ein Arbeiter von der nahegelegenen Kia Motor Company beschrieb, der mit Hunderten weiteren gekommen war, um bei der Verteidigung der Fabrik gegen einen Angriff von 3000 Polizisten, SchlŠgern und Streikbrechern zu helfen:
ÇNach unserer Nachtschicht gingen wir heute morgen um halb sechs nach Pyeongtaek zum Haupttor des Ssangyongwerks, wo sich die KŠmpfe abspielten genau wie am Tag zuvor. Gegen neun oder zehn Uhr vormittags kamen viele Busse mit Bereitschaftspolizei am Tor an, zugleich mit etwa zwanzig Lšschfahrzeugen.
WŠhrend 2000 Bereitschaftspolizisten versuchten, sich der Fabrik zu nŠhern, antworteten die Arbeiter mit Zwillen und manchmal Molotowcocktails. Ein Katapult fŸr Bolzen und Muttern hatte eine Reichweite von 200 bis 300 Metern und war effektiv. Reifen brannten zur Verteidigung des Werks, und der schwarze Rauch bedeckte den Himmel Ÿber der Fabrik. É Die Firma hatte Wasser und Gas abgestellt und alle Lieferungen an die Arbeiter von au§en blockiert, einschlie§lich der medizinischen Versorgung. Anscheinend besteht die Hauptstrategie der Firma darin, die Leute zu verschlei§en, damit sie die Fabrik von selbst verlassen. É SpŠter am Tag versprŸhte dann noch ein Polizeihubschrauber TrŠnengas gegen Arbeiter, die auf den DŠchern kŠmpften.Ç
Am 21. Juli rief die KCTU fŸr die Tage vom 22. bis zum 24. Juli zum Generalstreik auf sowie zu einer landesweiten Kundgebung am Samstag, den 25. Juli. Die KMWU kŸndigte fŸr den 22. und 24. Juli Teilbereichsstreiks an, zur UnterstŸtzung des Streiks in Pyeongtaek und fŸr die Wiederaufnahme der Verhandlungen. Gerade die KCTU ruft gerne mal zu solchen Streiks auf, ohne wirkliche Umsetzung oder UnterstŸtzung, dementsprechend blieben diese Streiks vereinzelt und ohne Wirkung.
Derselbe Kia-Arbeiter, der am Fabriktor gegen die Polizei kŠmpfte, berichtete Ÿber diese Ereignisse vom 22. Juli wie folgt:
ÇSeit dem 20. Juli hatten aufgrund eines Gerichtsbeschlusses mehr als dreitausend Bereitschaftspolizisten, darunter eine Rangereinheit, versucht die Fabrik zu stŸrmen und die Arbeiter zur RŠumung aufgefordert. Nachdem die Arbeiter das verweigert hatten, griff die Polizei die Arbeiterbesetzer sieben Tage lang an, und dieser Angriff umfasste auch gedungene SchlŠger und Streikbrecher unter den nicht entlassenen Arbeitern.
Die Polizei betreibt rund um die Uhr ideologische Propaganda, und ein Polizeihubschrauber im Tiefflug soll die Arbeiter am Schlafen hindern und sie nervlich zermŸrben. Die Wasser- und Gasversorgung haben sie abgestellt, und humanitŠre medizinische Hilfe lassen sie nicht in die Fabrik. (Die Stromversorgung wurde angelassen, damit sich die Lacke und andere leicht entzŸndliche Materialien in der Lackiererei sich nicht zersetzten.)
Ab dem 21. Juli warf die Polizei auf die auf dem Dach der Lackiererei kŠmpfenden Arbeiter aus Hubschraubern TrŠnengas ab. Dieses Gas enthŠlt ein giftiges Material, das Schaumgummi zum Schmelzen bringen kann.
In AbstŠnden, immer wenn die Bereitschaftspolizei in die Fabrik einzudringen versucht, verwenden sie eine Spezialwaffe, die Nadeln mit 50.000 Volt Spannung [sogenannte Stun Gun oder Taser; d.†.] abfeuert, wŠhrend die Streikbrecher vom GebŠude gegenŸber mit Zwillen schie§en.
NatŸrlich bekŠmpfen wir zur Verteidigung des Streiks die Polizei auf der Stra§e vor der Fabrik mit Stahlrohren und Molotowcocktails.
Ende Juli a§en die etwa 700 ArbeiterInnen, die noch in der Fabrik geblieben waren, statt regulŠrer Mahlzeiten eine Kugel Reis mit Salz und tranken abgekochtes Regenwasser. Obwohl viele ArbeiterInnen wŠhrend der KŠmpfe verletzt worden waren, setzten sie ihren Kampf entschlossen fort.
Am 20. Juli beging die Ehefrau eines GewerkschaftsfunktionŠrs in ihrem Heim Selbstmord. Ihr Mann war nicht entlassen worden, aber er beteiligte sich trotzdem am Kampf, obwohl er vom Management mehrmals bedroht wurde. Seine Frau war erst 29 Jahre alt. Bis heute sind wegen dieses Kampfs fŸnf Menschen umgekommen oder haben sich umgebracht.
Am 25. Juli hielt die KCTU eine Kundgebung vor dem Bahnhof von Pyeongtaek ab. Nach der Kundgebung kŠmpften die ArbeiterInnen und andere Teilnehmer mit Stahlrohren und Pflastersteinen bewaffnet gegen die Bereitschaftspolizei, wŠhrend sie versuchten, zum Fabriktor von Ssangyong zu ziehen. Ein brutaler Angriff der Polizei zwang uns, uns von der Fabrik zurŸckzuziehen. Auf den Stra§en Pyeongtaeks dauerten die KŠmpfe bis in die Nacht hinein an.
Wir von der KMWU werden am 29. Juli fŸr sechs Stunden in Generalstreik treten, aber wie Du wei§t, ist es sehr schwer, alle Mitglieder der Gewerkschaft zur Teilnahme an so einem Streik zu mobilisieren.
Das Management hat versucht, zum moralischen Sieger zu werden, indem es behauptete, es wŸrde in den Bankrott getrieben.È
Unter wachsendem Druck seitens einiger BŸrgerrechtsorganisationen und Kongressabgeordneter war zwischen Management und Gewerkschaft von Ssangyong fŸr den 25. Juli einTreffen anberaumt worden. Doch das Management sagte den Termin einseitig ab, aus dem einzigen Grund, dass (wie sie behaupteten) die Arbeiter immer noch mit Bolzen schšssen und dass sie die Forderung der Gewerkschaft nicht akzeptieren kšnnten, laut der es Entlassungen nur geben solle, wenn alle entlassenen Arbeiter durch eine unbezahlte Kurzarbeit zu null Stunden [temporary retirement] rotieren sollten.
Das Management wies dieses ZugestŠndnis seitens der Gewerkschaft zurŸck und sagte, sie wŸrden nur Entlassungen akzeptieren.
Am 27. Juli hielten die ArbeiterInnen von Ssangyong eine Pressekonferenz sowie eine weitere Kundgebung vor der Lackiererei ab, wodurch sie fŸr eine Weile der stickigen AtmosphŠre da drinnen entkamen.
Auf dieser Kundgebung lauteten die Forderungen:
1. Abzug der Polizei
2. Direkte Verhandlungen mit dem Management und der Regierung
3. Freigabe der Untersuchungsergebnisse betreffs illegaler Kontamination [effluence] aufgrund der Verwendung von Hybriddieselmotor-Technologie
Ich ende, indem ich mich auf den letzten Teil der Pressekonferenz beziehe:
ÇÉ Wir haben unser Bestes getan, diesen Disput gemЧ dem Prinzip der friedlichen Einigung per Dialog zu lšsen. Nichtsdestotrotz erklŠren wir fŸr den Fall, dass diese Art brutaler und tšdlicher Repression andauert, offen unseren entschlossenen Willen, bis zum letzten Atemzug zu kŠmpfen. Wer von uns hier drinnen ist, wird beweisen, dass wir entschlossen sind zu sterben, nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Menschen.
Wir werden unbeirrt weiterkŠmpfen und unsere Rechte wiedererlangen und schlie§lich in unsere Heime zurŸckkehren.È
In den tŠglichen KŠmpfen vom 20. Juli bis zum 27. Juli hatten Polizei, SchlŠger und Streikbrecher das gesamte Werk zurŸckerobert, mit Ausnahmen der Lackiererei. Im benachbarten GebŠude, das nur wenige Meter vom Eingang der Lackiererei entfernt ist, sammelten sich gro§e Polizeikontingente .
Nachdem die Verhandlungen Ÿbers Wochenende (1./2. August) erneut abgebrochen wurden, wurde der Lackiererei endgŸltig der Strom abgestellt, sodass die besetzenden ArbeiterInnen nachts Kerzenlicht benutzen mussten. Die letzte Schlacht begann am 3. August und dauerte bis zum 5. August. Hundert Streikende hatten die Besetzung wŠhrend der Nacht verlassen (viele von ihnen angewidert von der RŸcksichtslosigkeit des Staates und der GewaltausŸbung durch die Firma). In den abschlie§enden Verhandlungen stimmte der šrtliche Gewerkschaftsvorsitzende der FrŸhverrentung fŸr 52 Prozent der Besetzer zu (also Entlassungen mit Abfindungszahlung), wŠhrend 48 Prozent fŸr ein Jahr in unbezahlten Urlaub geschickt und nachher wiedereingestellt werden, falls die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen es gestatten. Einigen ArbeiterInnen, die in den Verkauf versetzt werden, zahlt die Firma au§erdem ein Jahr lang eine monatliche UnterstŸtzung von 550.000 Won (330 Euro).
In den folgenden Tagen kam es noch schlimmer, mit Verhaftungen und drohenden Prozessen gegen zahlreiche ArbeiterInnen und einer Klage des Unternehmens Ÿber 500.000.000 Won (300.000 Euro) gegen die KMWU. Wie schon angedeutet kšnnten darŸberhinaus noch unter koreanischem Recht mšgliche Einzelverfahren folgen, die in der Vergangenheit bereits streikende ArbeiterInnen in den Ruin getrieben haben. Die Firma spricht von SchŠden in Hšhe von 316 Mrd. Won (190 Mio. Euro) und durch den Streik entstandenen ProduktionsausfŠllen von etwa 14.600 Fahrzeugen.
Diese genau berechnete Rache der Regierung und des Unternehmens zeigt die deutliche Eskalation einer Generaloffensive gegen jede mšgliche Opposition. Ein Jahr zuvor, im Sommer 2008, hatte der Streik bei den E-Land-KaufhŠusern in einer Niederlage geendet. Von den zehntausend Angestellten, die im Sommer 2007 gestreikt hatten, kehrten viele an ihren Arbeitsplatz zurŸck und akzeptierten das miserable Angebot, das sie ursprŸnglich abgelehnt hatten. Andere hatten bereits in andere Jobs gewechselt. Die Angestellten von E-Land hatten wiederholt Sit-Ins in WarenhŠusern veranstaltet und diese besetzt. HŠufig mussten sie dabei die Polizei und Gangster zurŸckschlagen, die Streikbrecher in die LŠden eskortieren wollten. Trotzdem kam es nach ihrer Niederlage nicht zu solchen Vergeltungsma§nahmen wie bei den ArbeiterInnen von Ssangyong.
Die von der Gro§en Nationalpartei gestellte Regierung Lee Myung-bak ist stark verwurzelt in der Diktatur Park Chung-hees (1961-1979), den glorreichen Jahren von Koreas Aufstieg zum ersten asiatischen Tiger. Nur knapp unterlag Parks Tochter 2007 bei der parteiinternen Nominierung fŸr die PrŠsidentschaftskandidatur gegen Lee. Und allgemeiner gesehen ist in den letzten Jahren in der sŸdkoreanischen Gesellschaft ein Blick auf die Park-Diktatur durch die rosarote Brille weit verbreitet, der ihre wirtschaftlche Dynamik betont und ihre brutale Repression herunterspielt oder ignoriert − gefšrdert durch das nur punktuelle Wachstum seit Anfang der 1990er und vor allem seit der Finanzkrise 1997/98, als SŸdkorea unter IWF-Kontrolle gestellt wurde. (Eine der Hauptbedingungen des IWF fŸr seine 57 Mrd. Dollar schwere Rettungsaktion war ein bedeutender Anstieg bei der Prekarisierung von ArbeiterInnen.) Die Regierung Lee schaffte nicht nur eine von der vorherigen Regierung Noh eingefŸhrte Steuer auf Transaktionen mit Luxusimmobilien ab, sondern sie erstattete auch die in jenen Jahren erhobenen Steuergelder zurŸck. WŠhrend des Ssangyong-Streiks peitschte sie auch ein heftig umstrittenes Mediengesetz durch, das eine Konsolidierung der Medien ‡ la Rupert Murdoch durch einige wenige gro§e Konglomerate erlauben und kleinere und kritischere Betriebe auslšschen wird. SŸdkoreas berŸchtigtes Nationale Sicherheits-Gesetz, das 1948 wŠhrend des BŸrgerkriegs verabschiedet wurde, der dem Koreakrieg vorausging, wŠhrenddessen Hunderttausende Linker umgebracht wurden, bleibt in Kraft. Es wurde vor kurzem dazu benutzt, sozialistische Gruppen wegen der schlichten Tatsache zu verhaften, dass sie sozialistisch sind, und BuchhŠndler, weil sie BŸcher verkaufen, die angeblich pro Nordkorea sind.
Die Niederlage bei Ssangyong kann nicht nur der schwachen Rolle der landesweiten Organisation der KMWU zugeschrieben werden, die es von Beginn an zulie§, dass die Verhandlungen auf den begrenzten Schwerpunkt ÇKeine EntlassungenÇ beschrŠnkt wurden. (Im Unterschied dazu blieb der šrtliche Vorsitzende der Gewerkschaft, der schlie§lich die Kapitulationsurkunde unterzeichnete, bis zu allerletzt in der besetzten Fabrik, obwohl sein Name nicht auf der Entlassungsliste stand.) Noch kann die Niederlage vollstŠndig durch die AtmosphŠre der Wirtschaftskrise erklŠrt werden. Zweifellos spielten beide Faktoren eine wichtige Rolle. Doch darŸberhinaus ist es der jahrein, jahraus ablaufende Rollback, das ZurŸckdrŠngen der sŸdkoreanischen Arbeiterklasse, vor allem mittels der Prekarisierung, die jetzt schon Ÿber die HŠlfte der BeschŠftigten betrifft. 1 Wiederholt unterstŸtzten Tausende ArbeiterInnen von der nahegelegenen Fabrik den Streik bei Ssangyong, aber das reichte nicht. Die Niederlage der Ssangyong-Streikenden wird, trotz deren Heroismus und ZŠhigkeit, die vorherrschende Demoralisierung nur vertiefen, bis eine Strategie entwickelt wird, die ausreichend breite Schichten zur UnterstŸtzung mobilisieren kann, und zwar nicht nur, um diese defensiven Schlachten zu schlagen, sondern um in die Offensive zu kommen.